Gutachten zur Diplomarbeit von Dieter Johannsen:

Gutachten zur Diplomarbeit: »Soziologische Aspekte der fotografischen Praxis«
(Gutachter: Prof. Dr. Dietmar Kamper; Berlin, den 10.01.1983)

 

Der Verfasser hat eine klar gegliederte, in der Durchführung ihrer Intention überzeugende Arbeit vorgelegt, die exemplarisch den gesellschaftlichen Stellenwert der Fotografie und die historischen Verschiebungen dieses Stellenwerts im Spannungsfeld zwischen Kunst und Technik darstellt. Die Intention zielt auf Analyse der Gebrauchsweisen, die der fotografische Apparat seit seiner Erfindung erfahren hat.

Anhand dreier Aspekte: der frühen Porträtfotografie, der konventionellen Fotopraxis und der fotografischen Werbung werden Probleme der sozialen Wahrnehmung, der Inszenierung von Realität, der symbolisch vermittelten Objektivität abgehandelt und die zum größten Teil vorbewussten Gesetzmäßigkeiten herausgestellt, denen das Medium folgt.

Von einer blasphemischen Kunst, die eine »göttliche Fähigkeit« (die Erschaffung stehender Bilder) usurpiert, bis zu jener bestürzend mühelosen, konventionellen Tätigkeit in der modernen Foto-Technik geht – wie der Verfasser deutlich macht – die Reichweite dieses Mediums, das wohl zu Recht als genuin bürgerliches apostrophiert worden ist. Denn weit davon entfernt, bloß realistisch zu sein, ist mit der Fotografie eine soziale »Sinn-Maschine« erfunden worden, die ihre eigene Maßgeblichkeit hat und – mithilfe der Folgeerscheinungen (des Films, des Fernsehens, des Video) – bis in die vermeintlich private Erfahrung auch durchzusetzen vermochte. Noch ist eine derart revolutionäre Wirkung (mit m.E. anthropologischer Relevanz) nicht vollends zu ermessen; auch die neueren Theorien zur Fotografie, die der Verfasser durchweg aufgearbeitet hat (vgl. Berger, Bourdieu. Sontag u.a.), machen vorerst nur Umrisse sichtbar. Umso hilfreicher ist es – nicht zuletzt durch die Vergegenwärtigung auch der älteren theoretischen Bemühungen (Baudelaire, Benjamin, Kracauer u.a.) – an die entscheidenden Fragestellungen (vgl. das 6. und 7. Kapitel) herangeführt zu werden.

Es ist das Verdienst der vorliegenden Arbeit, die Problematik der Fotografie als eine eminent soziologische entschlüsselt zu haben. In verständlicher Sprache, sensibel und selbst-bewusst hat der Verfasser die historischen Etappen und den aktuellen Stand der fotografischen Praxis und Theorie zusammengefasst. Es ist ihm, gerade durch die Beschränkung auf wenige Beispiele, gelungen, die hauptsächlichen Gesetzmäßigkeiten eines – für den sozialen Umgang – revolutionären Mediums zu erfassen und auf der Höhe des aktuellen Problembewusstseins zu erörtern.

– sehr gut (1,0) –

(Gutachter: Prof. Dr. Dietmar Kamper; Berlin, den 10.01.1983)

 
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