Vorrede

Die hier vorgelegte Diplomarbeit, die sich mit den verschiedenen Betrachtungsweisen der Fotografie befasst und die vor beinahe 40 Jahren angefertigt wurde, mag für einige Leser aus der heutigen Perspektive einen etwas eigentümlichen Eindruck entstehen lassen – sofern die Bereitschaft der Lektüre besteht. Dennoch habe ich mich nach längerem Zögern und Nachdenken dann doch entschieden, diese Arbeit zu veröffentlichen.

In den 70er und 80er Jahren gab es eine nicht geringe Anzahl von theoretischen, insbesondere kritischen Texten, die sich mit den gesellschaftlichen Fragen der Fotografie beschäftigt und auseinandergesetzt haben und die ich damals mit großem Interesse mindestens ansatzweise gelesen und die mich in gewisser Weise stark beeinflusst hatten.

Irgendwann ist mir der Titel ›Über Fotografie‹ (Originaltitel: ›On Photography‹) von Susan Sontag, der zunächst 1978 im Hanser Verlag und 1980 im Fischer Verlag erschienen ist, in die Hände gefallen. Der Text, den ich in zwei langen Nächten buchstäblich verschlang, hatte mich zu jener Zeit dermaßen in Aufregung versetzt und aufgerüttelt, dass ich noch in der Nacht wild entschlossen war, meine längst überfällige Diplomarbeit zum Thema Fotografie anzufertigen. Das muss im Spätsommer 1980 gewesen sein.

Und so habe ich schließlich in den darauffolgenden Wochen bei dem von mir sehr geschätzten Prof. Dr. Dietmar Kamper, dessen Vorlesungen (in der Freien Universität Berlin) ich regelmäßig besuchte, einen Gesprächstermin vereinbart, um mit ihm über mein Vorhaben zu sprechen. Prof. Kamper war meinem Projekt gegenüber – möglicherweise aus einer gewissen persönlichen Nähe zur Fotografie heraus – sofort aufgeschlossen, sehr interessiert und hatte mich von Beginn an entsprechend ermutigt. Also machte ich mich an die Arbeit, beschaffte mir eine solide Ausstattung an Grundlagenliteratur, kopierte verschiedene Aufsätze, auf die ich mehr oder weniger zufällig stieß, besuchte regelmäßig die Nationalbibliothek in Berlin, sammelte Beiträge, Meinungen und Betrachtungen – selbst die beiläufigsten – zum Thema Fotografie und fertigte meine ersten, etwas ungelenken Notizen an,  bis schließlich ein brauchbarer Vorentwurf einer Gliederung mit dem Titel »Soziologische Aspekte der fotografischen Praxis« entstehen konnte. Im Großen und Ganzen habe ich wohl zwei Jahre Zeit für die Arbeit beansprucht, wusste am Ende aber, dass ich mit dem Resultat mehr als zufrieden sein konnte.

Natürlich ist diese Arbeit noch sehr vom sprachlichen Duktus und der sozialkritischen Färbung der 80er Jahre geprägt. Es war mir aber ein großes Anliegen, den damals buchstäblich mühsam errungenen Text gewissermaßen als geschichtliches Dokument, als historische Reminiszenz längst vergangener Minuten, aus einer Zeit zu veröffentlichen, die für mich sehr prägend und richtungsweisend gewesen ist.

Betrachten Sie also die Arbeit als ein Dokument, in dem ein bestimmter, vornehmlich sozialkritischer Zeitgeist zur Geltung gebracht wurde, in dem ich gelebt habe, den ich mochte, der mich geprägt und beeinflusst hat und der bis in die 80er Jahre hinein noch an der Freien Universität Berlin anzutreffen war.

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