Oskar Barnack

Oskar Barnack – Erfinder der 35mm-Kleinbildkamera

Oskar BarnackHätte der hochbegabte Feinmechaniker und Konstrukteur Oskar Barnack eine weniger anfällige Gesundheit, eine stabilere physische Konstitution gehabt, so wäre es sehr wahrscheinlich nicht schon so früh zur Entwicklung der weltweit ersten 35mm-Kleinbildkamera gekommen. Sie trägt den Namen ›Leica‹, ein Portmanteau-Wort, Koffer- oder auch Schachtelwort, das aus dem in Wetzlar ansässigen Unternehmen ›Leitz‹ und dem Begriff ›Camera‹ gebildet wurde. Jeder kennt die Leica und jeder will sie, eine Art Bugatti für so manchen Fotografen. Dennoch ist sein Entwickler, Oskar Barnack, auch heute noch den wenigsten bekannt.

Barnack war ein leidenschaftlicher Wanderer und Freizeitfotograf und litt unter einer asthmatischen Erkrankung. An den freien Sonntagen hielt er sich gern in der Natur, vorzugsweise im Thüringer Wald auf, begleitet von seiner Kamera (LIFE, Die Kamera, 1977). Hinsichtlich der verwendeten Aufnahmegeräte befand man sich freilich noch in der Frühzeit der Fotografie, die verfügbaren Geräte waren schwer, umständlich, sogenannte aus Holz und Metall gefertigte Plattenkameras. Und da Aufnahmen ohne festen Halt nicht möglich und recht lange Belichtungszeiten nötig waren, schleppte man ebenfalls immer auch ein Stativ, damals noch aus Holz, mit sich herum. Das lichtempfindliche Trägermaterial der Fotoplatten bestand aus schwerem Glas und war üblicherweise in einer Doppelkassette untergebracht. Um etwa 12 Belichtungen machen zu können mussten sechs Doppelkassetten mitgenommen werden. Entsprechend kam es zu einer deutlichen Zunahme des Gesamtgewichts. Nicht selten musste Barnack um die zehn Kilogramm mit sich schleppen. Dies alles brachte man in einem geräumigen Lederkasten unter.

Für Oskar Barnack, der beim Besteigen der Berge schnell an die Grenzen des Möglichen stieß, lag es nahe, sich über die Miniaturisierung des Aufnahmeapparates Gedanken zu machen. »Während er mit seiner 13 x 18cm-Plattenkamera und seinem schweren Ausrüstungskoffer die Berge hinauf- und hinunterkeuchte, träumte er von einer Kamera, die er einfach in die Tasche stecken oder über die Schulter hängen konnte (LIFE, Die Kamera, S. 136, 1977).«

Der junge Oskar Barnack

Oskar Barnack wurde am 01.11.1879 in dem kleinen Dorf Lynow geboren, einem Ortsteil der Gemeinde Nuthe-Urstromtal im Landkreis Teltow-Fläming, südlich von Berlin, in Brandenburg. Die Eltern – der Landwirt Ferdinand Barnack und Karoline Becker – bewirtschaften ohne rechten Erfolg einen Bauernhof, da der sandige Boden nicht viel hergab. Getragen von der Hoffnung, bessere Lebensbedingungen zu finden, zieht die Familie 1882 nach Giesensdorf, ein südlich von Berlin gelegenes Dorf, welches zur Gemeinde Lichterfelde gehört. Hier wird der kleine Oskar im Jahre 1885 eingeschult. Vater Barnack, der jetzt als Hafenmeister am Teltowkanal angestellt ist, beschäftigte sich mit kleineren Reparaturen, technischen Montagen, dem Zerlegen und wieder Zusammensetzen diverser Apparaturen. Diese Umstände und das rege Interesse Oskars gegenüber den Beschäftigungen des Vaters, mögen dazu beigetragen haben, dass bereits hier die ersten Anregungen und ein wachsendes Interesse für technische Zusammenhänge gesetzt wurden. Doch Oskar hatte andere Pläne, wollte zunächst die künstlerische Laufbahn einschlagen und recht eigentlich Landschaftsmaler werden. Sein Vater vertrat dagegen die Auffassung, dass es besser sei, »ein vernünftiges Handwerk« zu lernen (Wolff, 1934, S. 9).

Überhaupt entstand im 19. Jahrhunderts eine wachsende Technikbegeisterung. Bedeutende Erfindungen (dazu gehörten die Camera Obscura von Niépce, Daguerreotypie von Daguerre, die Batterie, die Glühbirne, das Telefon, der Phonograph, Stethoskop, Schreibmaschine, Nähmaschine oder der Dieselmotor, um nur einige zu nennen) und zahlreiche technische Neuerungen führten zu tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen. In Deutschland zeigten sich die Folgen des sozialen Wandels etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch die zunehmende Transformation der in weiten Teilen bestehenden Agrargesellschaft, die immer weiter in den Hintergrund gedrängt wurde, hin zu einer Industriegesellschaft.

Von dieser Aufbruchs- und Änderungsdynamik bleibt der naturwissenschaftlich- und technikbegeisterte Oskar Barnack sicher nicht unbeeinflusst. Nach Beendigung seiner Giesensdorfer Schulzeit, im Jahre 1893, beginnt Oskar eine Feinmechanikerlehre in der Meisterwerkstatt für feinmechanische Instrumente bei Julius Lampe, dessen Standort sich in der Boothstraße 6, Berlin-Lichterfelde, befindet. Meister Lampe fertigte für den astronomischen Unterricht von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sogenannte Tellurien und Planetarien an, welche mit einem Uhrwerk versehen wurden. Das waren kleine Modelle und Tischgeräte, anhand derer die Nachbildungen von Erde und Mond um die Sonne oder auch Sterne, Fixsterne und Planeten umeinander kreisen, erscheinen und ›vergehen‹ konnten. Der Kreislauf kosmischen Geschehens ließ sich auf einprägsame Weise veranschaulichen und nachvollziehen. Für Oskar war diese Arbeit einfach großartig und schien großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Zu diesem Zeitpunkt wollte er unbedingt Astronom werden, es gab nichts Schöneres (Wolff, 1934).

Der junge Oskar ist gerade vierzehn Jahre alt. Die damals übliche Dauer der Ausbildung betrug vier Jahre. Und da Oskar nach Meinung des Meisters bereits alle notwendigen Kenntnisse besaß, konnte er seine Lehrzeit ein halbes Jahr früher – als eigentlich vorgesehen – abschließen (Luedtke, 2018a). 1897 ging er auf Wanderschaft (unter Einhaltung der im ›Wanderbuch‹ von 1816 festgelegten »Regeln, welche der Wandernde zur Vermeidung angemessener Strafe zu beachten hat«), eine damals gängige Praxis der verschiedenen Gewerke, die ihren Sinn darin hatte, neue Techniken, Berufs- und Lebenserfahrungen außerhalb der gewohnten Umgebung zu sammeln. Während der Walz suchte Oskar gezielt die führenden Zentren für optischen Technologien auf; das waren zunächst Bozen in Südtirol, hoffend, etwas gegen sein Asthma bewirken zu können, dann Dresden, wo er mit dem Bau von Kamera- und Kinematographieapparaten in Berührung kam, es folgen Wien und Glashütte. Der Wandergeselle wurde normalerweise beim Meister vorstellig und bat darum, für einige Zeit dort arbeiten zu können.

Oskar Barnack in Jena

Schließlich kommt Oskar 1902 nach Jena und erhält dort eine Anstellung als Feinmechaniker und Justierer bei den 1846 von Carl Zeiss gegründeten ›Optischen Werken Carl Zeiss‹, wo man zunächst fast ausschließlich Mikroskope produzierte. 1903 heiratet Oskar seine Jugendfreundin Emma Leopold, 1906 wird Tocher Hanna, 1908 der Sohn Conrad geboren.
Hier in Jena, bei den Carl Zeiss Werken, lernt Oskar Barnack seinen späteren Freund Emil Mechau (1882 – 1945) kennen, der nach seiner Ausbildung zum Feinmechaniker bei Maibuhr/Reiss, in der Kreisstadt Bad Liebenwerda, ab 1900 in der Astro-Versuchsabteilung bei Carl Zeiss (1816 – 1888) angestellt war. Nachdem Ernst Abbe (1840 – 1905) 1875 Teilhaber der ›Optischen Werke Carl Zeiss‹ wurde, gelang es, die Linsenherstellung auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen, so dass die Produktpalette des Unternehmens 1910 durch die Herstellung von hochwertigen Fotoobjektiven und Ferngläsern ausgeweitet werden konnte. Der Physiker Ernst Abbe schuf die Grundlagen der modernen Optik, war Begründer der wissenschaftlich-optischen Industrie sowie Professor für Physik in Jena. Emil Mechau, der für sein Projekt des flimmerfreien Filmprojektors bei Carl Zeiss nur wenig oder gar keine Unterstützung erhielt, verließ 1910, nach knapp zehnjähriger Tätigkeit, die ›Optischen Werke Carl Zeiss‹ und wechselte zur Ernst Leitz GmbH in Wetzlar, wo den Konstrukteuren weit größere Entfaltungsmöglichkeiten zugestanden wurden.

Oskar Barnack bei den Optischen Werken in Wetzlar

Emil Mechau war es auch, der seinen Freund Oskar Barnack als Leiter der Versuchsabteilung gegenüber Ernst Leitz ins Gespräch brachte. Doch zunächst äußerte Oskar angesichts seiner möglichen Anstellung dem Unternehmen gegenüber leise Zweifel. So gab er zu bedenken, dass es einem Unternehmen sicher nicht angenehm sei, wenn ein junger Angestellter, der sich in das neue Gebiet noch nicht eingearbeitet habe, aufgrund seiner chronischen Erkrankung alle ein bis zwei Monate würde krankschreiben lassen müssen.

Doch Ernst Leitz sen. (1843 – 1920) setzte sich über die Bedenken des jetzt einunddreißigjährigen Barnack hinweg, dessen feine, bescheidene Art und herausragende Begabung dem Unternehmen durchaus bekannt waren (Luedtke, 2018a). Am 1. Januar 1911 erhält Barnack, trotz schwacher Gesundheit, eine Anstellung bei den ›Optischen Werken Ernst Leitz Wetzlar‹, die Ernst Leitz I, nach dem frühen Tod seines Vorgängers, Friedrich Belthle (1829-1869), 1870 als alleiniger Inhaber übernommen hatte. Er wurde für die Aufgaben der kinematographischen Aufnahmetechnik und den Mikroskopebau im November 2011 eingestellt. Diese Entscheidung sollte sich noch als ausgesprochen vorteilhaft erweisen. Zwischen Leitz sen. und Oskar Barnack entwickelte sich ein besonderes Vertrauensverhältnis, von dem beide Seiten profitieren konnten. Bereits nach einem Jahr erhielt er die Leitung der mechanischen Werkstatt, der Konstruktionsabteilung für Mikroskope. Das Unternehmen entwickelte sich mit der Produktion optischer Instrumente, insbesondere der Mikroskope, zum führenden Hersteller mit Weltruf.

Großes Ansehen hatte Ernst Leitz sen. aufgrund seiner Menschlichkeit und weitsichtigen Unternehmensführung. Eine gesetzliche Regelung, hin zum Achtstundentag, war noch nicht in Sicht, aber Leitz führte sie ein. Für die in Not geratenen oder kranken Mitarbeiter gab es eine Unterstützungskasse. Und 1899 richtete er eine Invaliden-, Witwen- und Waisenkasse ein, welche zur Absicherung der wirtschaftlichen Existenz der Werkangehörigen führte (Meichsner, 2018). Ernst Leitz hatte gegenüber Oskars gesundheitlichen Beeinträchtigungen, den immer wieder nötig werdenen Kuraufenthalten, volles Verständnis, kümmerte sich fast fürsorglich um ihn. Mehr und mehr entwickelte sich zwischen beiden eine Art Vater-Sohn-Beziehung. Sogar ein gemeinsamer Urlaub im Schwarzwald war Bestandteil dieser Fürsorge (Luedtke, 2018a).

Wer bei den Optischen Werken angestellt war, betrachtete sich als ›Leitzianer‹, hatte mindestens eine ›gehobene‹ soziale Stellung. Mit Florentiner Strohhut (auch: ›Kreissäge‹), Stehkragen, Kravatte, Manschetten, Anzug und Weste gingen selbst die Mechaniker des Unternehmens ›Ernst Leitz‹ nicht einfach zur Arbeit, nein, sie gingen voller Stolz ›ins Geschäft‹ (Meichsner, 2018).

Der Wechsel zu den Optischen Werken Ernst Leitz brachte für Oskar Barnack neue Aufgaben mit sich. Unter anderem sollte er die Mikroskop- sowie die kinematographische Aufnahmetechnik weiterentwickeln. So hatte er bereits nach einem Jahr seine erste Filmkamera fertiggestellt. Barnacks Idee war, eine kleine und kompakte Einzelbildkamera zu konstruieren, mit der er sein großes Ziel ›kleines Nagativ, grosses Bild‹ verwirklichen konnte. Ein wesentliches Problem war damals das zu grobe Korn, um es für seine Zwecke verwenden zu können. Durch den Kinofilm entwickelte Barnack die Idee, hierfür das standardisierte Kinofilm-Format zu verwenden. Die Höhe dieses Formates konnte man zwar nicht verändern, wohl aber in der Breite. So wurde das Kino-Einzelbildformat von 18x24mm kurzerhand verdoppelt. Da die Perforation des Kinofilms für den vertikalen Transport entsprechend vertikal angebracht war, wurde dieser quergelegt, so dass die Perforation für den horizontalen Transport entsprechend am unteren und oberen Rand verlief. So entstand das künftige Kleinbildformat von 36 x 24mm (Berghäuser, 2021). Das sich daraus ergebende Seitenverhältnis von 3 : 2 sah er als ein angenehmes und praktikables, das überdies den Vorgaben des goldenen Schnitts recht nahe kam.

Im März 1914, der Geburtsstunde der sogenannten Ur-Leica, wird ein neues Kapitel der Kleinbildfotografie aufgeschlagen. Sie ist 128mm breit, 53mm hoch und 28mm tief. Der alte Traum des Oskar Barnack, eine Kamera zu konstruieren, die man umhängen und in die Manteltasche verstauen kann, handlich, robust, leicht und schnell, ist wahr geworden. In seinem Werkstattbuch notiert der Tüftler und Pionier Oskar Barnack »Liliput-Kamera mit Kinofilm fertiggestellt«. Erst zehn Jahre später, 1924, geschuldet dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, wird die Idee der Produktion einer Kleinbildkamera wieder aufgenommen. Nach wohl zermürbenden Diskussionen im Juni 1924, zwischen den Anwesenden Oskar Barnack, Betriebsleiter August Bauer, Prof. Dr. Max Berek, Erfinder der Leitz-Objektive und Leiter der wissenschaftlichen Abteilung, Verkaufsleiter Ernst Türk und Marketingleiter Becker (Luedtke, 2018b) war Ernst Leitz II, dem der Hunger inzwischen stark zugesetzt haben mag, »ersichtlich auf dem Punkte, starke Spuren von Missstimmung und Ungeduld zu zeigen« (Fontane, 1985, S. 313). Die mittägliche Sitzung wird von ihm kurzerhand beendet mit den Worten: »Wir machen jetzt Schluss, ich entscheide hiermit: Es wird riskiert!« (Luedtke, 2018a). Im gleichen Jahr werden zunächst sechs Leica-Kameras gefertigt. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse »Kino, Foto, Optik und Feinmechanik« von 1925 wird die Leica erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt und in Serie hergestellt. 1927 werden bereits 1000 Exemplare produziert, 1931 sind es bereits 50.000, und 1933 werden bereits 100.000 Kameras produziert.

Die Maßstäbe setzende Leica wird aufgrund ihrer herausragenden Abbildungseigenschaften, kompakten Bauweise, Leichtigkeit, Flexibilität und Fähigkeit, diskret im öffentlichen Raum zu agieren zu können, sehr bald zum bevorzugten Arbeitsgerät zahlreicher großer Fotografen. Dazu gehören etwa Robert Frank, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Helen Levitt, André Kertész, Lisette Model, Walker Evans oder Alfred Eisenstaedt. Große Namen, die den Nimbus der Leica mit ihren ikonographischen Bildern im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts festigten. Schon bald verband man mit dem Begriff ›Leica-Fotografie‹ eine »bestimmte Art der spontanen, lebendigen Fotografie, die bis heute noch aktuell ist« (Henkens, 2005, S. 89).

Oskar Barnack gilt vielen heute als Wegbereiter der Kleinbildfotografie. Vom Unternehmen Ernst Leitz wurde er besonders wegen seiner feinen, zurückhaltenden und bescheidenen Art in hohem Maße geschätzt. Oskar musste noch häufiger wegen seiner Lungen- und Bronchialprobleme diverse Kuren über sich ergehen lassen, bis er während eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim am 19. Januar 1936 im Alter von 57 Jahren verstarb. In Wetzlar wurde er beigesetzt (Hahn, 2018).

© Fotografie | Dieter Johannsen

Literaturhinweise

Abbildung