Robert Frank

Fotograf Robert Frank

Robert Frank, ›The Americans‹, erschienen im Steidl Verlag, GöttingenMit dem am 9. November 1924 als Sohn eines Frankfurter Innenarchitekten in Zürich geborenen Fotografen Robert Frank verbindet sich vor allem sein legendärer Fotoband ›The Americans‹, der Ende der Fünfziger Jahre, zunächst in Frankreich und ein Jahr später in Amerika erschienen ist. ›The Americans‹ wird zum Synonym, zum Vermächtnis seiner fotografischen Leistungen, sichert ihm schlagartig einen festen Platz im Olymp der einflussreichsten Fotografen und sollte ihm dauerhaften Weltruhm einbringen. Die ehernen Gesetze von der reinen Lehre der Bildgestaltung werden mit dem ›Dynamit der sechzigstel Sekunde‹ außer Kraft gesetzt. Robert Frank wird zum Pionier, zum praeceptor mundi einer neuen und bis dahin nicht gekannten, direkten und eindringlichen Bildsprache.

Die wie zufällig entstandenen Anordnungen der Bildelemente verleihen seinen Bildern eine kraftvolle Intensität, wirken wie Schnappschüsse, alltäglich, authentisch und ungestellt, in einer eher trostlosen und isoliert wirkenden Umgebung. Zahlreiche Fotografen wurden von ihm beeinflusst und lassen sich noch heute durch seine Bilder inspirieren.

Werfen wir einen Blick zurück auf die 1940er Jahre: Schon früh wuchs in Robert Frank das Interesse für die Fotografie. Bei Hermann Segesser in Zürich konnte er ab Januar 1941 eine freie Ausbildung zum Fotografen absolvieren. Er war es auch, der ihm die Werke der modernen Kunst näherbrachte, insbesondere diejenigen von Paul Klee. Vom Spätsommer 1942 bis Herbst 1944 ließ er sich vom Fotografen und Reporter Michael Wolgensinger ausbilden und war anschließend dessen Mitarbeiter. Von Wolgensinger erhielt Frank wertvolle Hinweise für den Umgang mit Licht und Schatten. 1944 bis 1945 arbeitete Frank als Assistent beim Fotografen Victor Bouverat in Genf, 1946 wurde er Mitarbeiter der Brüder Hermann, Reinhold und Willi Eidenbenz, die ein gemeinsames Atelier für Grafik und Fotografie in Basel betrieben. Parallel dazu stellte Robert Frank Standaufnahmen für Kinofilme her.

Schon bald haderte Frank mit der Isoliertheit und Enge der Schweiz, wollte weg von den einengenden Ansprüchen seiner Eltern, weg von der Begrenztheit, den mangelnden Möglichkeiten. Die Schweiz schien kein Ort zu sein, an dem er auf Dauer sich würde aufhalten wollen. 1947 zog er nach New York, um eine ganz neue Art und Epoche, gewissermaßen einen Stilwandel in der Fotografie einzuleiten.

Um eine mehr als einjährige Reise quer durch Amerika verwirklichen und finanzieren zu können, bewarb sich Robert Frank 1954, mit Unterstützung der Fotografen Edward Steichen und Walker Evens, für ein Stipendium der ›John Simon Guggenheim Memorial Foundation‹, die 1925 von Simon Guggenheim, zu jener Zeit Senator in den Vereinigten Staaten, und Peggy Guggenheim im Gedenken an ihren 1922 verstorbenen Sohn gegründet wurde. Frank war der erste Europäer, der 1955 ein einjähriges Stipendium erhielt. Obendrein spendierte Peggy Guggenheim einen alten ›Ford Deluxe Business Coupé‹ aus dem Jahre 1950, 5 Meter lang und 1,85 Meter breit, ein Straßenkreuzer zwar von nahezu beängstigenden Ausmaßen, aber ein Gefährt, in dem es sich vortrefflich übernachten und irgendwie auch leben ließ.

Sein Anliegen, das Robert Frank in einer späteren Erklärung zusammenfasste: Amerika durchqueren, es als Europäer erleben, den Seelenzustand der amerikanischen Nation, mit dem es Mitte der 50er Jahre nicht gerade zum besten bestellt war, verstehen und »einen Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung zeigen«. Er habe sich bemüht, »dies auf einfache und unmissverständliche Weise zu tun«. Frank war davon überzeugt, dass ein Fotograf dem Leben niemals neutral gegenüberstehen dürfe, vielmehr ginge es darum, eine Meinung zu vertreten, was eben auch bedeute, dass diese Meinung eine kritische Haltung in sich einschließt. So werde in seinen Bildern stets seine persönliche Sichtweise in den Vordergrund gestellt. Es sei wichtig, dasjenige wahrzunehmen, was für andere unsichtbar bleibe – »einen hoffnungsvollen, vielleicht auch einen traurigen Ausdruck« (vgl. Wilfried Wiegand, darin: Robert Frank, Eine Erklärung, Seite 283).

Die Fotografien des Fotografen Robert Frank offenbarten die Kehrseite vom Nimbus des ›American Dream‹, vom narrativen Motiv, einzigartig und unbesiegbar zu sein. Seine »Schwarz-Weiß-Fotos kratzen den dünnen Putz vom strahlend-polierten, reichen, bombastischen Selbstbild der USA« (Sophie Albers Ben Chamo, Das eigene Leben im andern, in: Jüdische Allgemeine vom 23.09.2019). Sie standen zwangsläufig im auffälligen Gegensatz zu den propagierten Idealen republikanischer Tugenden im Amerika der Nachkriegszeit. Die Bilder Franks wurden eingereiht in die Anfeindungen, Verdächtigungen und Nachstellungen gegenüber vielen Künstlern, kritischen Intellektuellen, Filmschaffenden und Kommunisten – tatsächlichen und angenommenen – während der nach dem Republikaner und entschiedenen Antikommunisten McCarthy benannten McCarthy-Ära, die etwa den Zeitraum von 1947 bis 1956 umfasst. Sie wurden beschuldigt, sich ›unamerikanisch zu verhalten‹, Mitglied einer kommunistischen oder Teil einer konspirativen Verschwörung zu sein, die den Regierungsapparat der Vereinigten Staaten unterwandern wollten. Nachdem die Kongresswahlen 1946 von den Republikanern gewonnen wurden, waren Vorladungen und Verhöre von politisch Verdächtigen an der Tagesordnung. Demokraten, wurden als »red fascists« verunglimpft; manch ein Linksliberaler, Intellektueller oder Künstler musste  sich vor einem eigens geschaffenen ›Komitee für unamerikanische Umtriebe‹ rechtfertigen und entwürdigenden Verhören aussetzen.

Das zu jener Zeit vorherrschende Klima der Einschüchterung und Strafandrohung, der Angst von Schauspielern, Regisseuren, Musikern oder Drehbuchautoren, von den großen Filmstudios nicht mehr berücksichtigt zu werden und damit die eigene berufliche Existenz zu verlieren, war mittlerweile in der amerikanischen Gesellschaft fest verankert. Auch mochte es sein, dass manch ein Mitarbeiter der Unterhaltungsindustrie bereits auf einer in Hollywood geführten ›schwarzen Liste‹ stand, welche die Namen derer enthielt, die dem Verdacht ausgesetzt waren, Mitglied oder Unterstützer der kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten zu sein. Es ist genau diese gesellschaftliche Grundstimmung, es sind die grotesken Auswirkungen, die vernehmbare Alltäglichkeit der Rassentrennung – vornehmlich in den ländlich geprägten Regionen der Südstaaten – die in den Schwarz-Weiß-Fotografien von Robert Frank thematisiert wird: verloren wirkende Wesen, hoffnungslos, bedrückt, entfremdet und isoliert. Zu sehen sind Individuen, die hier und da zwar miteinander und nebeneinander, tatsächlich aber isoliert, bedrückt und traurig, in Wahrheit doch vereinzelte Einzelne sind.

Vergleichbar mit den Arbeiten der frühen ›FSA-Fotografen‹ (FSA = Farm Security Administration: Gegründet in der New Deal-Ära unter Franklin D. Roosevelt, die eine Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen als Antwort auf die amerikanische Wirtschaftskrise in Gang setzen sollte) Walker Evans, Dorothea Lange, Russell Lee oder Gordon Parks, die zwischen 1935 und 1944 mit ihren Bildern die sozialen Zustände, die Notlage der amerikanischen Landbevölkerung, Baumwollfarmer, der Wanderarbeiter anprangerten und stilbildend für den neu entstandenen Begriff der ›Sozialdokumentarischen Fotografie‹ gewesen sind, steht auch Robert Frank in der Tradition der sozialkritischen Fotografie, die von ihm gewissermaßen fortgesetzt und im Amerika der 1950er Jahre einen schweren Stand hatte; er war stilbildend für seine Art der Fotografie und gilt – wenn man so will – neben Henri Cartier-Bresson als Mitbegründer der ›Streetfotografie‹, die als ›subjektivierende Dokumentarfotografie‹ bezeichnet wird. Robert Frank interessierte sich für das Leben auf der Straße und sah in diesem Leben melancholisch wirkende, voneinander getrennte, isolierte Individuen, die er fast beiläufig mit seiner Kamera festhielt. Von Kommerz und gefälligen Auftragsarbeiten für Zeitschriften oder Hochglanzmagazine hielt Frank nicht viel (vgl., James Guimond, in: Essays) wenn er betont, dass seine Bilder stets seine subjektive Sicht, seine persönliche Meinung zum Ausdruck brächten.

Was Frank auf seiner Reise durch Amerika, 1955 und 1956, jeweils in einem Zeitraum von drei Monaten mit seiner 35-mm-Leica festhielt, wollten die Amerikaner zunächst nicht zur Kenntnis nehmen, da es dem Bild vom ›American Dream‹ so gar nicht entsprach. Insgesamt hatte Frank während seiner Reise durch Amerika 28000 Fotos angefertigt, aber nur 83 Abzüge wurden im Verlaufe eines zweijährigen Prozesses und in einer festgelegten Reihenfolge für sein Buch ›The Americans‹ ausgesucht. Es waren diese 83 Bilder, die ihn zur Ikone der Fotografie des Zwanzigsten Jahrhunderts werden ließen. 1958 erschien das Buch zunächst im französischen Delpire Verlag und erst ein Jahr später, 1959, beim amerikanischen Verlag Grove Press.

Kein geringerer als Jack Kerouac, selbst eine Legende, würdigt die Arbeit Robert Franks mit folgenden Worten:

»Wer diese Bilder nicht mag, liebt keine Poesie. Wer Poesie nicht mag, soll nach Hause gehen und sich am Fernsehen Bilder von Cowboys mit grossen Hüten ansehen, denen zahme Pferde nichts antun. Robert Frank, Schweizer, unaufdringlich, nett, mit jener kleinen Kamera, die er hochhebt und dann einhändig abdrückt, hat aus Amerika ein trauriges Gedicht direkt auf Film gesogen und sich gleichrangig unter die traurigen Poeten dieser Welt eingereiht.« (zit. nach: Ignaz Staub, Nachruf. »Robert Frank was here«, in: Journal21.ch)

Robert Frank war bis ins hohe Alter hinein aktiv. »Dann ist er, am 9. September 2019, aus dem Leben gerannt.« (Sophie Albers Ben Chamo, a.a.O.)

© Fotografie | Dieter Johannsen

Literaturhinweise

  • Michel Frizot (Hrsg.), Neue Geschichte der Fotografie, darin: Collin Westerbeck, In der Stadt und auf dem Lande. Die Nachkriegszeit in den Vereinigten Staaten, Seiten 643 bis 648, Könemann Verlag, Köln 1998
  • Urs Stahel, Martin Gasser, Thomas Seelig, Peter Pfrunder (Hrsg.), Essays über Robert Frank, Steidl Verlag, Göttingen 2005
  • Ignaz Straub, Nachruf »Robert Frank was here«, in: Journal21.ch vom 11.09.2019
  • LIFE DIE PHOTOGRAPHIE, Große Photographen, Robert Frank, Seiten 212 bis 213, Time-Life International (Nederland), 1978
  • LIFE DIE PHOTOGRAPHIE, Das Photo als Dokument, Kritik an der Selbstzufriedenheit: Robert Frank, Seiten 166 bis 177, Time-Life International (Nederland), 1972, 1973
  • Beaumont Newhall, Geschichte der Photographie, Seiten 298 bis 299, Schirmer/Mosel, München 1984
  • Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner rechnischen Reproduzierbarkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1966
  • Lucia Bühler, Verstörendes Schwarz-Weiß, in: Fotogeschichte, Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie, Ausgabe 110, Jg. 28, Ilmtal-Weinstraße, 2008
  • Sophie Albers Ben Chamo, Robert Frank. Das eigene Leben im anderen, in: Jüdische Allgemeine vom 23.09.2019
  • Wilfried Wiegand (Hrsg.), Die Wahrheit über Photographie. Klassische Bekenntnisse zu einer neuen Kunst, Seiten 283 bis 288, S. Fischer, Frankfurt am Main 1981
  • Michael Köhler, Buch des Propheten, in: art – Das Kunstmagazin, Ausgabe Juli 2019, Seiten 84 bis 89, Gruner & Jahr, Hamburg 2019
  • Du Kulturmedien, Ausgabe 801, »Ich wollte nie, dass die Leute mich wahrnehmen«, Kathrin Leist im Gespräch mit Robert Frank, Zürich November 2009

Abbildung

  • Buchcover zu ›The Americans‹ von Robert Frank, Steidl Verlag, Göttingen. Bildverwendung mit freundlicher Genehmigung des Steidl Verlags, Göttingen