Familienfotografie

Die soziale Bedeutung der Familienfotografie

Die allgemeine Praxis der Familienfotografie ist, wie es scheint, mehr noch als die Urlaubsphotographie, nach zahlreichen Regelmäßigkeiten organisiert. Bestimmendes Element der fotografischen Praxis in ihrer Funktion für die Familie ist, die Hervorhebung besonderer Au­genblicke des Familienlebens, diese zu feiern und zu überliefern, kurz,

»die Integration der Familiengruppe zu verstärken, indem sie immer wieder das Gefühl neu bestätigt, das die Gruppe von sich und ihrer Einheit hat.«87

Dabei ist das Bedürfnis nach Fotografien und das Bedürfnis zu fotografieren umso ausgeprägter, je größer der Zusammenhalt der Gruppe und je höher die integrative Funktion des Augenblicks ist. Deshalb ist zum Beispiel, wie Bourdieu anführt, die soziale Bedeu­tung und Funktion der Familienfotografie am ausgeprägtesten in einer ländlichen Gemeinde, deren Mitglieder stark integriert und nachhaltig bäuerlichen Traditionen verhaftet sind.88
Nicht zuletzt deshalb hat sich die Fotografie so rasch durchgesetzt, weil in ihr die sozialen Rollen zum Ausdruck gelangen und auf diese Weise Bestätigung erfahren.

»Die Hochzeitsfotografie wurde deshalb so schnell und allgemein akzeptiert, weil sie den Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen Existenzbedingungen offen einbekannte – die Verschwendung als Verhaltensbe­standteil bei Festlichkeiten, der Erwerb des Gruppen­bildes, der demonstrative Aufwand, dem sich niemand entziehen konnte, ohne gegen den Ehrenkodex zu ver­stoßen, all dies wird als obligatorisch empfunden, als Element einer Huldigung, die den Jungverheirateten erwiesen wird.«89

Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wird denn auch das Ereignis mehrfach festgehalten: vor dem Kirchen­portal, vor dem geschmückten Hauseingang oder als sorgfältiges Arrangement im Atelier des Fotografen.

»Alle von der Kamera gewissenhaft aufgezählten Details sitzen richtig im Raum, eine lückenlose Erscheinung.«90

Im Leben eine Familienmitglieds gilt die Hochzeit als ein exzeptionelles Ereignis, insofern ist der Hoch­zeitsfotograf allgemein akzeptierter und mindestens ein Jahrhundert lang91 fester Bestandteil der Zeremo­nie. Der zeremonielle Charakter bleibt freilich auch dann erhalten, wenn an Stelle des Berufsfotografen ein Amateurfotograf tritt.
Die Familienfotografie selbst wird zum Gegenstand geregelter Tauschhandlungen, indem sie in den Kreislauf der Ge­schenke und Gegengeschenke eintritt. Die im Atelier angefertigten Aufnahmen gelten als ›offiziell‹ und werden an Freunde, Verwandte und enge Familienmitglie­der verschenkt. Auf diese Weise werden die Familien­angehörigen nicht nur auf den neuesten Stand gebracht, vielmehr wird ihrer sozialen Rolle eine neue Bedeutung verliehen.92

»Geht man mit Durkheim davon aus, dass die Funktion von Festen darin besteht, die Gruppe zu neuem Leben zu erwecken, sie neu zu erschaffen, so versteht man, warum die Photographie hier die Rolle spielt, die Sie spielt: Sie ist ein Mittel, die großen Augenblicke des gesellschaftlichen Lebens, in denen die Gruppe ihre Einheit aufs neue bestätigt, zu feiern. Im Falle der Hochzeit gehört das Bild, das die versammelte Gruppe, genauer: die Versammlung zweier Gruppen, für die Ewig­keit festhält, notwendig zu einem Ritual, das den Bund zweier Gruppen, der auf dem Umweg über den Bund zweier Individuen geschlossen wird, weiht, d.h. sanktioniert und heiligt.«93

Demnach wäre die Herstellung und Verbreitung der Fo­tografien, die familieninterne Angelegenheiten in ihrer Besonderheit dokumentieren, eine ohnehin tradi­tionell ausgeübte Praxis. Susan Sontag sieht dagegen in diesem Ritual eine Handlung, die bemüht ist, dem in den Industrieländern einsetzenden Verfall mit Hilfe des fotografischen Bildes entgegenzuwirken.

»Mit Hilfe der Familienfotografie konstruiert jede Familie eine Porträtchronik ihrer selbst – eine tragbare Kol­lektion von Bildern, die Zeugnis von familiärer Ver­bundenheit ablegt …«
Aber: »Fotografieren wird zu einem Ritus des Familien­lebens in eben dem Augenblick, da sich in den indu­strialisierten Ländern Europas und Amerikas ein radi­kaler Wandel der Institution Familie anbahnt. Als jene klaustrophobische Einheit, die Kernfamilie, aus einem sehr viel umfassenderen Familienkollektiv herausgelöst wurde, beeilte sich die Fotografie, die gefährdete Kontinuität und den schwindenden Einflussbereich des Familienlebens festzuhalten und symbolisch neu zu formulieren.«94

Folglich beziehen sich die im Photoalbum bewahrten Bilder auf eine Familie im weitesten Sinne, sind, wenn man so will, alles, was von ihr übrig geblieben ist und vermitteln den imaginären Besitz einer Vergangen­heit.95

»Nun geistert das Bild wie die Schlossfrau durch die Gegenwart.«96

Die Bedeutung und Rolle der Familienfotografie als Funktion der sozialen Bedeutung eines Festes wird auch deutlich an der zeitlichen Reihenfolge, mit der den unter­schiedlichen Familienfeiern fotografische Aufmerk­samkeit zuteil wurde.
Erst in den dreißiger Jahren tauchen vereinzelt Auf­nahmen von der Erstkommunion auf, Bilder aus Anlass der Taufe dagegen kaum. Bis 1945 wurden überwiegend Er­wachsene und Familiengruppen fotografiert. Nach 1945 erst, als die Stellung der Kinder von größerer Bedeu­tung war, wurde der Brauch verstärkt, auch sie foto­grafieren zu lassen.97 Die Aufmerksamkeit, die ihnen zuvor zuteil wurde, war allenfalls vereinzelt und wenn, dann übertrieben. Benjamin deutet diesen Aspekt übrigens kurz im frühen Bildnis von Kafka an:

„Das steht in einem gegen, gleichsam demütigenden, mit Posamenten überladenen Kinderanzug der ungefähr sechs­jährige Knabe in einer Art Winterlandschaft. Palmenwe­del starren im Hintergrund. Und als gelte es, diese gepolsterten Tropen noch stickiger und schwüler zu machen, trägt das Modell in der Linken einen unmäßig großen Hut mit breiter Krempe, wie ihn Spanier haben. Gewiss, dass es in diesem Arrangement verschwände, wenn nicht die unermesslich traurigen Augen diese ihnen vorbestimmte Landschaft beherrschen würden.“98

Ähnlich der Hochzeitsfotografie gelangen auch die Fotografien von Kindern in den Kreislauf ritueller Tauschhandlungen und nicht selten führt, so Bourdieu, das Versenden dieser Aufnahmen zu einer Wiederbelebung der Korrespondenz.

»Mit dem Bildnis präsentiert man dem Ensemble der Gruppe den Neuankömmling, den diese ›anerkennen‹ muss.«99

Der Besitz solcher Bildnisse wird gewissermaßen gleichgesetzt mit dem von Trophäen. Als Angehöriger einer bestimmten Gruppe verleihen sie gesellschaftli­che Geltung und sind Quelle von Prestige.
So ist es nicht verwunderlich, dass das Bild von der Hochzeit, dem Angehörigen, den Kindern oder der Gruppe niemals unter den Kriterien technischer oder ästhe­tischer Qualitäten „gelesen“ wird. Es erfüllte ledig­lich den Zweck, eine genaue Darstellung zu liefern und eine Wiedererkennung des Geschehens zu ermöglichen.
Nicht selten wird gerade das Hochzeitsfoto mit den Gruppenmitgliedern beider Parteien einer genealogi­schen Betrachtungsweise unterzogen. Die auf dem Foto dargestellten Personen verglichen. Ebenso wird das Bezugssystem des betreffenden Mitglieds innerhalb der sozialen Interaktion, der soziale Status, herausge­stellt.

»Die Hochzeitsphotographie ist ein veritables Sozio­gramm und wird auch so verstanden.«100

Da die Hochzeits- beziehungsweise Familienfotografie im all­gemeinen ohnehin eine in den Rang des Feierlichen erhobene Praxis ist, wird dies auch durch Stimmung und Gestik der abgebildeten Personen unterstrichen. Wer während der Aufnahme mit seinem Nachbarn spricht, nicht ins Objektiv blickt oder versäumt, eine dem feierlichen Augenblick angemessene Haltung einzuneh­men, erregt allgemeines Missfallen.

»Die Konvergenz der Blicke und die geordnete Aufstel­lung der Abgebildeten zeugen objektiv vom Zusammenhalt der Gruppe.«101

Gerade im Konventionalismus der Pose macht sich die Existenz sozial reglementierter Verhaltensschemata und die Betonung einer immanenten Moral deutlich, weniger indes die jeweiligen Wünsche, Gefühle und Gedanken der dargestellten Subjekte.

»Die Persönlichkeit des Dargestellten ist fast völlig verschwunden.«102

Und Kallinich macht für das typische Familienbild geltend, dass

»die (Selbst-) Darstellung des Einzelnen wie der Fami­lie in den Fotos die eigene wie die Situation der Familie nicht ´realistisch´ widerspiegelt, sondern eine notwendige, zugleich aber falsche Identität zeigt.«103

Die eigentlichen Objekte des photographischen Bildes sind also nicht die Individuen in ihrem konkreten lebensgeschichtlichen Kontext, vielmehr wird das Hauptgewicht auf die Darstellung eines gesellschaft­lichen Status – und die Zugehörigkeit als anerkanntes Mitglied zu einer Gruppe gehört überdies dazu – oder eines gesellschaftlichen Erfolg gelegt.

»Das Fotografieren von großen Zeremonien ist deshalb – und nur deshalb – möglich, weil die Fotografie gesellschaftlich gebilligte und geregelte, d.h. bereits in den Rang des Feierlichen erhobene Verhaltensweisen festhält. Nichts darf fotografiert werden außerdem, was fotografiert werden muss. Die Zeremonie darf fotografiert werden, weil sie von der alltäglichen Routine abweicht, und sie muss photographiert werden, weil sie das Bild verwirklicht, das die Gruppe als Gruppe von sich zu vermitteln wünscht. Das, was fo­tografiert wird und was der ›Leser‹ der Fotografie, sondern soziale Rollen: der Jungvermählte, der Erst­kommunikant, der Soldat, oder soziale Beziehungen: der Onkel aus Amerika oder die Tante aus Sauvagnon.«104

Interessanterweise wird diese These übrigens auch von Kallinich untermauert, der im Rahmen eines schulprak­tischen Seminars mit Studenten der Pädagogischen Hoch­schule im WS 76/77 Fotos und Fotografieren zum Gegenstand des Unterrichts einer 7. Sonderschulklasse für Lernbehinderte machte.

Mit dem Ziel, sich über den Umweg von Familienphotos besser kennenzulernen, sahen sie Schüler dieser neu zusammengesetzten Klasse sich insgesamt 348 Aufnahmen an. Bei der Frage nach den Anlässen der Familienfotografie ergab sich folgende Aufteilung:

  • 145 Aufnahmen von Festen (Silvester, Weihnachten, Taufe, Hochzeit, Konfirmation, Festzug, Schulfei­er)
  • 138 Aufnahmen von der Freizeit (Urlaub, Ausflug, Haustiere)
  • 59 Erinnerungs- und Passfotos
  • 6 Aufnahmen von der Arbeit des Vaters (mit Kolle­gen)105

Wollte man eine grobe Verallgemeinerung zulassen, so wird auch hier sichtbar: Eine im Rahmen des Familien­lebens wahrgenommene Fotopraxis beschränkt sich fast ausschließlich auf die Darstellung bedeutsamer Augen­blicke des gesellschaftlichen Lebens, während das Kernthema, die Arbeit, ausgeblendet bleibt.

»Fotografische Bilder scheinen nicht so sehr Aussagen über die Welt als vielmehr Bruchstücke der Welt zu sein: Miniaturen der Realität, die jedermann anfertigen oder erwerben kann.«106

Bourdieu, der auch den Aufbewahrungsort von Familien­fotos untersucht hat, stellt fest, dass die Trennung zwischen öffentlichem und privatem Bereich korrespon­diert mit der Trennung zwischen repräsentationswürdi­gen Fotos und solchen, die in Alben und Schachteln aufbewahrt bleiben. In bäuerlichen Familien werden Amateurfotografien meist in der Schublade verwahrt, mit Ausnahme des Hochzeitsbildes oder bestimmter Per­sonenporträts; dagegen erfahren sie in kleinbürgerli­chen Familien eher eine affektive Besetzung und deko­rative Nutzung, werden vergrößert, gerahmt und dienen zusammen mit den Reisesouvenirs als Wandschmuck im Wohnzimmer.

»Der bürgerliche Wohnraum hat eine Ecke als Memorial­bezirk eingerichtet: Die Ahnenbüste, Bildnisse, später die Fotos verstorbener Familienmitglieder finden hier hinter einer florealen Ausstattung Platz.«107

Der dekorative Reiz farbiger Reisefotos wird zudem noch unterstrichen, indem ihnen in der Regel ein expo­nierter Platz zugewiesen wird. Dagegen werden bestimm­te Familienfotos unauffällig, nicht sofort sichtbar, in sogenannte ›Gemütsecken‹ verbannt.

Mit der im Alter schwindenden Teilnahme am gesell­schaftlichen Leben, verbunden mit einer geringeren Familienintegration, nimmt freilich der Reiz der Praxis der Familienfotografie entschieden ab, da die Gründe für das Fotografieren nicht mehr existieren. In erster Linie ist es ja dieser Praxis darum zu tun, große Augenblicke des gesellschaftlichen Lebens zu ›verewi­gen‹ und die Einheit der Gruppe aufs Neue zu bestäti­gen.

»Und wenn ein enger Zusammenhang besteht zwischen der Beschäftigung mit der Fotografie und dem Merkmal ›Haushalt mit Kinder‹ (und zwar um so stärker, je jünger diese sind), so zweifellos darum, weil die Gegenwart des Kindes die Integration der Gruppe und zugleich die Neigung verstärkt, das Bild dieser Inte­gration festzuhalten, ein Bild, das seinerseits wiederum der Verstärkung der Integration dient.« 108

Vor allem die farbgie Familienfotografie signalisiert die Be­deutung eines Familienfestes. Sie scheint dazu präde­stiniert, Instrument einer feierlichen Überhöhung zu sein, gleichsam als Wiederholung des Festes zu dienen, indem sie die besonders gelungenen und ausgelassenen Momente festhält.

»Selbst außergewöhnlich, erfasst sie außergewöhnliche Gegenstände, die ›schönen Augenblicke‹, die sie in ›schöne Erinnerungen‹ verwandelt.«109

Die Farbfotografie ist in ritueller Weise mit dem Familienfest (zum Beispiel Weihnachten oder Taufe) oder dem Freun­destreffen verknüpft und steigert von daher den Ein­druck als exzeptionelles Geschehen. Auch hier wird das Foto nicht im Hinblick auf seine technischen oder ästhetischen Qualitäten ›gelesen‹, sondern einzig unter dem Aspekt einer schönen Erinnerung welcher im Akt der Betrachtung gewissermaßen Dauer verliehen wird.

»Wenn sie sich in aller Regel auf ein bloßes Zeichen reduziert, entzifferbar lediglich für denjenigen, der über den Schlüssel dazu verfügt, dann deshalb, weil das Fest etwas ist, was man aus nichts oder Nichtig­keiten macht oder schafft, vom Augenblick der Ent­scheidung an, in festlicher Stimmung zu sein.«110

Nicht nur soll das Foto einzig als Erinnerung einer festlichen Stimmung gelten, sondern auch bezeugen, dass man heiter war und sich amüsiert hat. Mehr noch als in der Schwarzweiß-Fotografie finden deshalb in der Farbfotografie die sozialen Werte des Ausgelassen­seins, der Geselligkeit und Fröhlichkeit eines Festes ihren Ausdruck. Bourdieu verweist darauf, dass gerade die Farbfotografie als Instrument der feierlichen Erhebung eines Festes in dem Maße unentbehrlich wird, je mehr das Fest zu einer beliebigen und willkürliche Angelegenheit wird, je mehr es die Familiengruppe in autarker Weise erlebt und die öffentlichen Symbole eines Festes, die den Anschein einer objektiven Be­gründung geben konnten, verschwinden (z.B. ist bei der Durchführung eines Festes die städtische Familie in der Regel auf sich selbst verwiesen, während in der bäuerlichen Familie häufig noch die gesamte Dorfge­meinde am Ritual teilnimmt).

»Die Fotografie ist der aus dem Monogramm herabge­sunkene Bodensatz, und von Jahr zu Jahr verringert sich ihr Zeichenwert. Der Wahrheitsgehalt des Origi­nals bleibt in seiner Geschichte zurück; die Foto­grafie fasst den Restbestand, den die Geschichte ab­geschieden hat.«111